Hallo Mailand - meine ersten Tage in Italien

Abfahrt

Es ist der 24. Februar 2026. Ich steige gegen 7 Uhr am Kölner Hauptbahnhof in meinen Zug nach Basel. Ich habe mir die 1. Klasse gegönnt, denn als Erasmusstudent ist der Preis von 366€ für die erste Klasse gegenüber 301€ für die Holzklasse im Interrailpass unschlagbar günstig. Dank Interrail habe ich 6 Reisetage, die ich innerhalb von 6 Monaten frei wählen kann. Einzige Einschränkung ist, dass ich nur einmal aus Deutschland ausreisen und nur einmal einreisen darf.

Ich bin mal wieder Lieblingsgast der DB, obwohl wir keinerlei Verspätung haben. Mein zweiter Zug, der mich bis nach Mailand trägt, ist gleichermaßen pünktlich und liefert mir leider Gottes keinen Gesprächsstoff für diesen Blog. Stattdessen miete ich mir auf der Zugfahrt, für unschlagbare 1€ im ersten Jahr, die Domain maxstridde.de. Gleichzeitig fährt die wunderschöne Schweizer Berg- und Seenlandschaft an mir vorbei. Selbst wenn es Italien nicht gäbe, müsste ich einfach ab und an Richtung Süden fahren, nur um dieses unfassbare Naturschauspiel zu genießen.

Ausblick aus dem Zugfenster
Ausblick aus dem Zug

Abgefahren

Interessanter als meine Bahnfahrt sind meine letzen Tage in Bonn. Nachdem ich Donnerstag den 19. Februar 2026 meine letzte Klausur abgeschlossen hatte, überfiel mich schlagartig eine gute Stimmung, die meine mittelmäßige Laune der Klausurphase ablöste.

Mit freiem Kopf und neuer Energie machte ich mich daran, all jene aufgestauten ToDos abzuarbeiten, die ich auf “nach der Klausurphase” datiert hatte. Unterdessen traf ich mich mit einigen Freunden und sagte:

arrivederci - auf Wiedersehen

/ariveˈdɛrt͜ʃi/

Obwohl mein Zimmer meist aufgeräumt ist, hat das Wegräumen meiner Sachen erstaunlich lange gedauert. Neben einer mit Papiermüll prall gefüllten Ikeatasche, die lediglich aus meinen handschriftlichen Notizen und Vorlesungsmitschriften von 3 Semestern bestand, entsorgte ich auch etwaige Ausgaben “Die Zeit”, die ich an 5 verschiedenen Orten abgelegt habe. Mein Gedanke, man kann immer mal Zeitungspapier gebrauchen, zum Beispiel um nasse Schuhe zu trocknen oder Geschenke einzupacken, war 5 mal richtig. Richtig unter der Annahme, dass ich bis dato noch keine Zeitung aufbewahrt hatte. (An meine WG: Auf dem 2,30m Küchenschrank, direkt neben dem Kühlschrank, könnt ihr eine Zeitung finden, wenn ihr mal eine benötigt :)

Abgesehen von meinem Gepäck, bestehend aus riesigen Rollkoffer, den ich mir last-minute über Kleinanzeigen gekauft hatte, sowie Mamas alten Reiserucksack, passt mein Bonner Besitz in 4 große Plastikkisten, auf 2 Fahrradstellplätze im Keller und in meine selbstgebauten Pappkisten unterm Bett. Mein Roundnetset ist verliehen und meine Bettdecke liegt auch noch irgendwo herum. Ich bin nicht sicher ob ich das als viel oder wenig empfinden sollte. Jedenfalls freue ich mich jetzt 4 Monate mit luxuriöser Minimalausstattung zu leben. Das heißt, dass ich nur meine schönsten Kleidungsstücke eingepackt habe, und fortan jeden Tag ein Lieblingsshirt, Pullover oder Mantel tragen kann. Schließlich möchte ich in Italiens Modehauptstadt nicht underdressed auftauchen.

Meinen letzten Koffer abgeschlossen und das Herumräumen meiner Besitztümer abgeschlossen habe ich dann erst gegen 01:00, sodass ich schließlich mit weniger als 4 Stunden Schlaf ins Auslandssemester startete. Ich hoffte, dass dies kein Vorbote für die nächsten 4 Monate werden würde.

Ankunft

An meinem ersten Tag in Mailand sollte sich mein Schlafdefizit nicht reduzieren, denn es gab viel neues zu entdecken. Nach pünktlicher Ankunft um 15:51 (Eine Minute Verspätung zählt nicht), wurde ich von Carlo abgeholt, bei dessen Familie ich bis zum 1. März übernachten durfte. Dann erst würde ich in mein Studentenzimmer einziehen, dass ich mir mit einem anderen Studenten teile.

Da ich schließlich in Mailand bin, aßen wir die typisch sizilianischen Cannoli, also frittierte Teigröllchen die mit Ricottacreme gefüllt sind. Neben einem ausgeklügelten Kanalsystem, über das unter anderem der Marmor für den Mailänder Dom antransportiert wurde, war ich von der unmittelbaren Vielfalt der Stadt und seinen monströsen Gebäuden beeindruckt. Schon an diesem ersten Abend war mir klar, dass ich genau die richtige Entscheidung getroffen habe.

Mailänder Häuserfront
Ein Mailänder Häuserblock

Über meine Mobilität in der Stadt schreibe ich ein anderen Mal. Insgesamt ist Mailand relativ hoch gebaut und dadurch Flächenmäßig nicht übermäßig groß. Der ÖPNV ist recht gut und ein langsam wachsendes Netz von Fahrradwegen durchzieht die Stadt. Vor allem die Stadträder, die man Stückweise für 30 Minuten gratis nutzen kann, wenn man das Jahresabo für 36€ abschließt, kommen mir sehr gelegen.

Fahrradweg vom Fahrrad aus betrachtet
Ausblick auf Mailänder Fahrradweg

An meinem ersten ganzen Tag in Mailand machte ich mich Vormittags alleine auf den Weg, um meinen Uniausweis abzuholen.

Mailänder Studentenausweis
Mein Mailänder Studentenausweis

Wie es der Zufall wollte, befand sich direkt neben dem Verwaltungsgebäude eine Mensa, in der ich für 6,60€ eine wirklich leckere und vollwerte Mahlzeit bekam. Enthalten darin waren Primo (eine von zwei Nudelsorten ), Secondo (Fisch, Fleisch oder Vegetarisch mit zwei Beilagen), Dolce (Pudding, Joghurt oder Obst), Trinken sowie Grissini und Cracker zum Selbstbedienen. Der Zufall hat mir sehr in die Karten gespielt, da ich mich in der Schlange an Simone wendete, um zu erfragen, wie die Essensausgabe funktioniert. Seinen Namen erfuhr ich hingegen erst, nachdem ich mich zum Essen mit an seinen Tisch gesetzt hatte und am lustigen Tischgespräch teilnahm.

Angekommen

Ich war überrascht, wie gut ich nach nur einem Jahr Italienisch lernen mitkam. Meinen Sprachkurs habe ich an der Uni mit B1 abgeschlossen und dank meiner klasse Lehrerin war ich gut vorbereitet. Spätestens, nachdem ich einen Witz über Simons Nachnamen gemacht hatte (“Virgine” wie das Olivenöl), wurde ich in der Gruppe willkommen geheißen. Dieser erste Tag zeigte mir schon, dass Italiener gerne und viel vulgäre Sprache verwenden. Dazu vielleicht an anderer Stelle mehr Informationen.

Ganz unverhofft war meine erste Uni Vorlesung in Mailand weder im Fachbereich Mathematik noch Informatik, wie sie auf meinem Online Learning Agreement für Erasmus eingetragen sind. Stattdessen saß ich, nach einer kurzen Bahnfahrt Richtung Mailands Süden, in einer Kunstgeschichte Vorlesung über Spätgotik und die Renaissance. Als nach einer Stunde im überfüllten und aufgeheißtem Vorlesungssaal (Im Februar wohlgemerkt. Da ich bis zum Juli hierbleibe ,macht mir diese Erfahrung schon leicht Angst) der Prof zu sprechen begann, überkamen mich gleich zwei Überraschungen.

Erstens konnte ich mit meinem mittelmäßigen Italienisch halbwegs mitkommen und somit spannendes über die Einflüsse der Bibel auf die Kunst im 14. Jahrhundert lernen. Zweitens begann ein wahnsinniges Grundrauschen die Luft zu erfüllen, das wie ein Schwarm von 1000 startenden Hummeln klang. Schnell ereilte sich mir, dass das Tippen von etwa 200 Studenten, also +- 400 Händen und somit 2000 Fingern Fingern, die Wild auf ihre Tastaturen und Tablets einhauten dieses absurde Geräusch erzeugten, das mich fast zum Laut loslachen brachte.

Ich, der Mathestudent aus Bonn, der nur das Geräusch von Kreide auf Tafeln gewöhnt war, höchstens begleitet vom gelegentlichen Knallen einer Stuhllehne oder den unliebsamen Geräuschen der Mitstudenten, saß plötzlich, an meinem ersten Tag im 600km Luftlinie entfernten Mailand, nebst einer Horde Menschen, die ich gerade erst in der Mensa kennengelernt hatte, in dieser italienischen Kunstgeschichtevorlesung. Dieses Geräusch löste diese plötzliche Erkenntnis in mir aus, die ich einfach umarmte. Also lehnte ich mich zurück, mit diesen lustigen und schönen Gedanken im Hinterkopf, und genoß das Kabarett.

Zu Hause ist dort, wo das WLAN sich von selbst verbindet.

Dank Eduroam, einem Dienst der von der weltweiten Forschungs- und Universitätsgemeinschaft getragen wird, erhalte ich durch meine Bonner Zugangsdaten vollautomatisch Zugriff aufs Internet in über hundert Ländern, sofern ich in Gebäuden einer Uni bin. Somit bin ich in der Mensa und in jedem Hörsaal in Italien und an vielen anderen Orten der Welt ganz einfach angebunden. Das dies so reibungslos funktioniert ist für mich ein starker Beweis für die Möglichkeiten die entstehen, wenn Bildung und Forschung keine Grenzen gesetzt werden, sondern diese Länderübergreifend unterstützt werden.

Nach der Vorlesung ging es mit meinen neuen Freunden noch ein (sehr gutes) Eis essen (über die Preisgestaltung von Eis möchte ich auch noch schreiben). Dann bekam ich ganz unverhofft noch eine kleine Stadtführung, sah zum ersten Mal den Dom (sowie Überbleibsel der Olympia Feierlichkeiten) und war ganz gerührt von der Freundlichkeit und Offenheit, die mir entgegengebracht wurde. Ich wurde zum Abschluss noch bis zur Haltestelle geführt, an der meine Straßenbahn zurück zu Carlos Wohnung fuhr.

Altar in einer schmuckvollen Kirche
Innenraum einer Kirche
Bunte Wohnhäuser in Mailänder Wohnviertel
Bunte Mailänder Häuser

Ein erster Kontakt wurde ausgetauscht und ebenso wie meine Mitfahrgelegenheit auf Schienen “bahnte sich an”, dass ich mit diesen Italienern bald noch mehr Zeit verbringen würde. Schon an diesem ersten Tag schloß ich sie in mein Herz.

Am Abend ging die Stadtführung weiter, diesmal mit Tourguide Carlo. Wir mussten mit den Stadträdern ein wenig fahren, um die nächsten weißen Flecken zu entdecken. Dank e-Bike (Im Stadtradabo enthalten, für 0,25€ die halbe Stunde) flitzten wir durch Mailands Straßen, die von ewig alten Stolpersteinen bis hin zu frisch asphaltierten Alleen reichten. Ich war glücklich und staunte an jeder Straßenecke über die prunkvollen, prestigeträchtigen und altehrwürdigen Gebäude der Stadt. Anders als in Deutschland sind hier nicht die allermeisten alten Gebäude durch zwei Weltkriege zerstört worden.

Der vielleicht beste Vergleich meiner aktuellen Gefühlswelt ist mit der eines kleinen Kindes, das an einer Baustelle steht und mit offenem Mund den alltäglichen Arbeiten in der Grube zuschaut (Zum Beispiel ich mit 3 Jahren oder ich mit 20 Jahren). Jeder Stein, jede Schaufel, jeder Bagger und jeder Kaffeebecher der Arbeiter ist das spannendste auf der Welt. All die Dinge die für die Mailänder alltäglich sind, sauge ich mit Genuss auf und erfreue mich an ihrer Wirkung auf mich.

Gleichermaßen sauge ich den wunderbaren Italienischen Kaffee auf, der mit 1-1,30€ für den Espresso und 1,20-1,50€ für einen Cappuccino unschlagbar preiswert ist. In jedem normalen Kaffee dass man betritt, kann man für diese Preise Kaffeegenuss erleben, was das Leben durchaus versüßt. Gleichwohl trinke ich meinen Espresso “amaro e nero”. Das heißt so viel wie “bitter und schwarz” und gehört zu den ersten Vokabeln, die mir letztes Jahr in Ligurien beigebracht wurden. Wenn ich daran denke, dass es in Deutschland für 1€ maximal eine vorverdaute Brühe aus dem Automaten gibt, frage ich mich, wie die Italiener diese Preise anbieten können.

Irgendwann muss der Anfang ja auch sein Ende haben. Ich denke, dass an dieser Stelle der richtige Augenblick gekommen ist. Es wird natürlich weitergehen :).




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